Der heimtückische Biss der Backskiste

Wir waren gerade unterwegs zum Lidl in Lemmer, hatten gerade einen genialen Parkplatz ergattert und mein Bruder Andi war ausgestiegen zum Rauchen. Da kam der Anruf: „Isa, du musst ganz schnell kommen, ich hab‘ mir den kleinen Finger abgehauen, du musst mich sofort ins Krankenhaus bringen.“ Ich schrie vor lauter Schreck ins Telefon hinein: „Neinnnn“.  „Chris , wir kommen sofort.“ Ich riss die Türe des Wagens auf und rief mit lauter Stimme nach meinem Bruder. Ich erklärte ihm kurz was passiert war und es ging zurück zum Hafen. Klar, jede bewegliche Brücke war oben und Stau obendrein. Gott und die Welt war unterwegs zum Einkaufen in Lemmer. Im nächsten Stau, rief ich einen Segelfreund an, von dem ich wusste, dass er sich in der Nähe von Chris befand. Aufgeregt erzählte ich ihm von dem Unfall und er eilte danach zu Chris, um ihm zu helfen, da er allein an Bord war. Endlich kamen wir in unserem Hafen an, Chris sah ich schon von weitem. Er hielt seine verbundene Hand in die Höhe und sprang zu mir ins Auto. Der Hafenmeister gab uns die Anschrift vom Sneeker St. Antonius Krankenhaus, 35 Minuten entfernt. Unterwegs erzählte mir Chris was passiert war: Er befand sich allein an Bord, da ich und mein Bruder Lebensmittel in Lemmer bunkern sollten. Chris wollte also in die mannshohe Backskiste einsteigen, um etwas aus der Tiefe herauszuholen. Für diesen kurzen Moment sicherte er nicht den schweren Deckel der Backskiste. Die linke Hand ruhte in der Nähe des Scharniers des Deckels, mit ihr stützte er sich auch ab. Dann kam es, wie es kommen musste. Ein Windstoß erfasste den Deckel und dann biss dieser Deckel kurz und erbarmungslos zu und spuckte seinen kleinen Finger aus.IMG_2241.jpg

Ihm war wohl die Situation sofort klar und da er auch in seiner Firma Ersthelfer ist, wusste er sich einen fachmännischen Verband anzulegen. Mir wurde ganz anders, als ich das hörte, ich glaube, ich wäre ohnmächtig geworden, wäre es mir passiert. Als wir im Krankenhaus ankamen, waren wir schnell an die Reihe, da nicht viele Leute vor uns warteten. Alle waren sehr nett und freundlich zu uns. Ich hatte ehrlich gesagt Bammel, die Wunde zu sehen, da ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Chris hatte mich unterwegs auch über den Inhalt der Tüte mit den 3 Marmeladengläsern aufgeklärt. Darin ruhte in einem kleinen Beutel das oberste Glied seines kleinen Fingers der linken Hand. Oh man. Ich dachte, es wäre nur ein kleiner Teil von der Fingerspitze, nein das oberste Glied! Chris musste sich auf die Krankenliege legen, er war redselig wie eh und jeh. Hatte er einen Schock erlitten? Der Augenblick der Abnahme des Verbandes begann. Und dann sah ich ihn, seinen blutenden Fingerstumpf und dann das Fingerendglied mit kompletten Fingernagel, der da friedlich auf dem Beistelltisch lag, so unwirklich. „Nein“ sagte die freundliche Schwester, „ich fürchte, den können wir nicht wieder annähen, leider.“ Sie holte dann noch einen Chirurgen, der es auch bestätigte. Eine Röntgenaufnahme wurde gefertigt: Chris hatte sein Fingerglied sauber entbeint. Der Knochen schaute zwar etwas aus seinem Fingerstumpf heraus, aber er war wohl unverletzt. Was nun? Gedanken schossen mir durch den Kopf: Operation usw. Es war der erste Urlaubstag unserer mehrmonatigen Reise. Toller Anfang. Ein neuer Pfleger kam herein und sagte, dass der Finger nur desinfiziert und verbunden wird und dass er konservativ abheilen solle. Man würde nicht mehr operieren und die Haut über den Stumpf ziehen. Chris und ich schauten uns irritiert an, aber, wenn das „state oft the art“ ist, dann ist das ok. Blass um die Nase ging ich (!) mit Chris an der Hand aus dem Krankenhaus hinaus. In der Aufregung hatten wir die Röntgen CD und die Schmerztabletten vergessen, aber Chris ist hart im nehmen und wir fuhren zurück zum Hafen. Angekommen machten sich viele Seglerfreunde wirklich Sorgen um Chris, er solle sich lieber eine 2. Meinung holen, das kann doch nicht richtig sein, „nichts“ zu machen. Hin und her gerissen und auch weil es Wochenende war, entschieden wir uns gegen eine 2. Meinung und gingen 2 Tage später zur Kontrolle wieder ins Krankenhaus. Tatsächlich sah die Wunde gut aus, der Arzt war zufrieden, so auch wir. Kein Antibiotikum, nur einmal desinfiziert, das war alles. Als dann Chris durch den Hafen lief, erzählten ihm wiederum etliche Segler, von ihren malträtierten Fingern. Scheinbar kommt das doch häufiger vor.

Also, liebe Seglerfreunde und Freundinnen, auch das ist segeln. Seid bitte vorsichtig, besonders bei bissigen Backskisten.  ;*)