Von Sassnitz auf Rügen nach Klaipeda / Memel, über 300 sm in knapp 3 Tagen und 2 eiskalten Nächten…

So eine lange Fahrt von mehreren Tagen und Nächten ist schon spannend, vor allem, wenn man das noch nie gemacht hat. Es war schön, aber die Nächte waren eiskalt, ich habe so gefroren. Spannend ist die Lichterführung bei Nacht und da ich zur Zeit für den SKS lerne, eine praktische Lehrübung. Was keinen Spaß macht, sind die Begegnungen mit Fischerbooten. Warum? Weil sie meistens Netze hinter sich herziehen. So auch das Fischerboot Ramona.

Man kann sich garnicht vorstellen, das so ein kleines Fischerboot so lange Netze ziehen kann.

Plötzlich kam der Funkspruch an uns, die Seven CS. Sinngemäß, wenn ihr weiter in diese Richtung fahrt, fahrt ihr über meine 5 sm langen Treibnetze. Folgt mir und schaltet endlich mal euren Radar ein. Ihr könnt das Netz an den Bojen erkennen. Schreck lass nach, wie war das noch, hat er 90 oder doch 80 Grad gesagt? Schnell wieder nachgefragt, es waren 80 Grad.

Das fand alles nahebei Bornholm statt.

In der gleichen Nacht hatten wir dann noch eine andere Begegnung: Wir vermuten, das uns ein U-Boot als Ziel ausgesucht hat. Wir hatten eigentlich immer kontinuierlich 80 m Tiefe. Dann kam die vermutliche Annäherung und das Echolot zeigte dann Werte um die 11 m an, für ca. 30 sec. bis zu einer Minute. Ca. 11- 16 Mal hintereinander. Da hier wohl keine Wale sind, die auch noch spielen wollen und wir uns nahe eines dänischen militärischen Übungsgebietes befanden, könnte es wirklich ein U-Boot gewesen sein. Das war ein komisches Gefühl. Quizfrage: Welche Lichterführung haben U-Boote in der Nacht, wenn sie mal auftauchen? 😮

Rügen

Nette Einheimische haben uns ihre Insel gezeigt:

Wir liegen noch bis Samstag im Hafen von Sassnitz. Am Mittwoch, als wir einliefen, waren nur sehr wenige Segelschiffe im Hafen. Es wirkte irgendwie alles ziemlich trist. „Oh man, wo sind wir hier nur gelandet?“ dachte ich zuerst. Aber nachdem ich die supersauberen, modernen sanitären Anlagen gesehen hatte, sowie ein sehr leckeres Backfischbrötchen gegessen hatte und wir auf dem Boot in der Sonne dösten, gefiel mir Sassnitz immer mehr. Der Hafen wird mit der hochgelegenen Stadtmitte über eine architektonisch herausragende Brücke verbunden. Sie sieht klasse aus, sehr modern und ist 16 m hoch. Fotos folgen, kann gerade keine hochladen. Gestern brauchten wir für eine kleine Reparatur einen Lötkolben. Chris hat unser Schiff auseinander genommen, unser Lötkolben war nicht zu finden. So machte ich mich auf, die anderen Segler danach abzuklappern. Keiner hatte einen. Endlich bekam ich einen Hinweis, wen ich fragen könnte. Bis zu deren Werkstatt bräuchte ich gute 10 min. und die 2 Männer in der Halle hatten in 5 min. Feierabend. Sie gaben mir einen Lötkolben, als Pfand ließ ich meine Handtasche da. Leider löste der Lötkolben nicht unser Radioproblem. Aber es war echt nett von Ihnen, mir auszuhelfen.
P.S. Ich kann wieder Radio hören. Chris und Andi sind 8 km zum nächsten Baumarkt gelatscht und haben eine UKW Antenne gekauft. Juchhu. Radio läuft.

Momentan sind Chris und mein Bruder Andreas unterwegs zu einem Baumarkt, um wenigstens eine UKW Antenne zu besorgen. Andreas fährt morgen heim, es war schön, dass er uns die ersten 3 Wochen mit Rat und Tat zur Seite stand.

Morgen geht unser nächster großer Schlag zur Kurischen Nehrung los. Wir sind jetzt ausgeruht und freuen uns auf den Törn.

Kap Arkona (Rügen)

Fehmarn nach Rügen, das war eine kalte Überfahrt

Fehmarn

Tief in der Nacht sind wir in Fehmarn eingelaufen. Leider ist der Track , der im Plotter eingestellt war, tatsächlich ca. 2 Seemeilen, also kurz vorm wichtigen Tonnenstrich , der die sichere Zufahrt markiert, ausgefallen. Das war enorm blutdrucksteigernd. Chris riss die Deckenluke vom Cockpit auf und steckte den Kopf hindurch, um die Tonnen in der finsteren Nacht zu erkennen. Die Tonnen sind normalerweise groß und beleuchtet, nicht aber der Tonnenstrich vor dem Hafen Burgtiefe. Die grünen Tonnen auf der Steuerbordseite waren winzig und unbeleuchtet. Dann das Leitfeuer auf dem Molenkopf von Burgtiefe, das erst rot und dann weiß wurde, klar Sektorenwechsel. Es hätte nicht geschadet vorher mal das Ostseehandbuch zu studieren. Andreas leuchtete mit der Taschenlampe die Tonnen ab. Ich lotste uns unter Zuruf zum Skipper mithilfe der digitalen Seekarte auf dem Plotter weiter zum Richtfeuer. Doch Chris schien mich nicht immer richtig zu verstehen. Dann und wann sah ich dann unser Schiff auf dem Plotter aus dem sicheren Tonnenstrich herausfahren und ich stieß Chris unsanft an, richtig zu steuern. Wenn wir uns jetzt vertan hätten, wären wir gnadenlos auf der nahen Mole aufgelaufen. Dann waren wir nahebei der Rundmole von Burgtiefe und schlichen im Schneckentempo daran vorbei. Die Nacht war rabenschwarz. Blos nicht verfahren. Endlich , wir waren am Hafenbecken angelangt und suchten uns einen beleuchteten Kopfsteg aus und machten fest. Puh, alles war gutgegangen. Als Chris dann gegen Mitternacht noch eine Dose Erbsensuppe aufmachte, zitterten seine Hände noch ein wenig…

Der heimtückische Biss der Backskiste

Wir waren gerade unterwegs zum Lidl in Lemmer, hatten gerade einen genialen Parkplatz ergattert und mein Bruder Andi war ausgestiegen zum Rauchen. Da kam der Anruf: „Isa, du musst ganz schnell kommen, ich hab‘ mir den kleinen Finger abgehauen, du musst mich sofort ins Krankenhaus bringen.“ Ich schrie vor lauter Schreck ins Telefon hinein: „Neinnnn“.  „Chris , wir kommen sofort.“ Ich riss die Türe des Wagens auf und rief mit lauter Stimme nach meinem Bruder. Ich erklärte ihm kurz was passiert war und es ging zurück zum Hafen. Klar, jede bewegliche Brücke war oben und Stau obendrein. Gott und die Welt war unterwegs zum Einkaufen in Lemmer. Im nächsten Stau, rief ich einen Segelfreund an, von dem ich wusste, dass er sich in der Nähe von Chris befand. Aufgeregt erzählte ich ihm von dem Unfall und er eilte danach zu Chris, um ihm zu helfen, da er allein an Bord war. Endlich kamen wir in unserem Hafen an, Chris sah ich schon von weitem. Er hielt seine verbundene Hand in die Höhe und sprang zu mir ins Auto. Der Hafenmeister gab uns die Anschrift vom Sneeker St. Antonius Krankenhaus, 35 Minuten entfernt. Unterwegs erzählte mir Chris was passiert war: Er befand sich allein an Bord, da ich und mein Bruder Lebensmittel in Lemmer bunkern sollten. Chris wollte also in die mannshohe Backskiste einsteigen, um etwas aus der Tiefe herauszuholen. Für diesen kurzen Moment sicherte er nicht den schweren Deckel der Backskiste. Die linke Hand ruhte in der Nähe des Scharniers des Deckels, mit ihr stützte er sich auch ab. Dann kam es, wie es kommen musste. Ein Windstoß erfasste den Deckel und dann biss dieser Deckel kurz und erbarmungslos zu und spuckte seinen kleinen Finger aus.IMG_2241.jpg

Ihm war wohl die Situation sofort klar und da er auch in seiner Firma Ersthelfer ist, wusste er sich einen fachmännischen Verband anzulegen. Mir wurde ganz anders, als ich das hörte, ich glaube, ich wäre ohnmächtig geworden, wäre es mir passiert. Als wir im Krankenhaus ankamen, waren wir schnell an die Reihe, da nicht viele Leute vor uns warteten. Alle waren sehr nett und freundlich zu uns. Ich hatte ehrlich gesagt Bammel, die Wunde zu sehen, da ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Chris hatte mich unterwegs auch über den Inhalt der Tüte mit den 3 Marmeladengläsern aufgeklärt. Darin ruhte in einem kleinen Beutel das oberste Glied seines kleinen Fingers der linken Hand. Oh man. Ich dachte, es wäre nur ein kleiner Teil von der Fingerspitze, nein das oberste Glied! Chris musste sich auf die Krankenliege legen, er war redselig wie eh und jeh. Hatte er einen Schock erlitten? Der Augenblick der Abnahme des Verbandes begann. Und dann sah ich ihn, seinen blutenden Fingerstumpf und dann das Fingerendglied mit kompletten Fingernagel, der da friedlich auf dem Beistelltisch lag, so unwirklich. „Nein“ sagte die freundliche Schwester, „ich fürchte, den können wir nicht wieder annähen, leider.“ Sie holte dann noch einen Chirurgen, der es auch bestätigte. Eine Röntgenaufnahme wurde gefertigt: Chris hatte sein Fingerglied sauber entbeint. Der Knochen schaute zwar etwas aus seinem Fingerstumpf heraus, aber er war wohl unverletzt. Was nun? Gedanken schossen mir durch den Kopf: Operation usw. Es war der erste Urlaubstag unserer mehrmonatigen Reise. Toller Anfang. Ein neuer Pfleger kam herein und sagte, dass der Finger nur desinfiziert und verbunden wird und dass er konservativ abheilen solle. Man würde nicht mehr operieren und die Haut über den Stumpf ziehen. Chris und ich schauten uns irritiert an, aber, wenn das „state oft the art“ ist, dann ist das ok. Blass um die Nase ging ich (!) mit Chris an der Hand aus dem Krankenhaus hinaus. In der Aufregung hatten wir die Röntgen CD und die Schmerztabletten vergessen, aber Chris ist hart im nehmen und wir fuhren zurück zum Hafen. Angekommen machten sich viele Seglerfreunde wirklich Sorgen um Chris, er solle sich lieber eine 2. Meinung holen, das kann doch nicht richtig sein, „nichts“ zu machen. Hin und her gerissen und auch weil es Wochenende war, entschieden wir uns gegen eine 2. Meinung und gingen 2 Tage später zur Kontrolle wieder ins Krankenhaus. Tatsächlich sah die Wunde gut aus, der Arzt war zufrieden, so auch wir. Kein Antibiotikum, nur einmal desinfiziert, das war alles. Als dann Chris durch den Hafen lief, erzählten ihm wiederum etliche Segler, von ihren malträtierten Fingern. Scheinbar kommt das doch häufiger vor.

Also, liebe Seglerfreunde und Freundinnen, auch das ist segeln. Seid bitte vorsichtig, besonders bei bissigen Backskisten.  ;*)